Vilnius: Zwischen Geschichte, Resilienz und europäischer Verantwortung
Eine bunte Reisegesellschaft aus Absolventinnen, Absolventen und Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen erkundete die litauische Hauptstadt – politisch, kulturell und gesellschaftlich.
LAND & STADT IM ÜBERBLICK
| 3 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner | 2004 EU- und NATO-Beitritt | 2015 Euro- Einführung | 7 % russisch- stämmige Bev. |
Litauen überrascht mit einer bemerkenswerten sprachlichen Besonderheit: Das Litauische gilt als die älteste lebende europäische Sprache und weist unter allen modernen Sprachen die größte Nähe zum rekonstruierten Urindogermanischen auf – ein lebendiges Zeugnis jahrtausendealter kultureller Kontinuität. Die Küche des Landes spiegelt den nordeuropäischen Charakter wider: Kartoffel bildet in vielen Hauptgerichten die solide Grundlage. Die Offenheit und Herzlichkeit unserer litauischen Gesprächspartner prägten die gesamte Reise und machten den fachlichen Austausch besonders bereichernd.
TERMIN 1
Delfi News – Medienfreiheit im hybriden Zeitalter
Den Auftakt bildete ein Besuch beim führenden baltischen Nachrichtenportal Delfi, das sich überwiegend über Werbung finanziert. Die Gruppe erhielt eine Führung durch das Studio sowie die Redaktionsbüros und erlebte dabei unmittelbar, wie unabhängiger Journalismus in einem geopolitisch sensiblen Umfeld funktioniert.
Im Gespräch mit einer jungen Journalistin wurde deutlich, welchen Stellenwert der Umgang mit Desinformation und russischer Propaganda im Redaktionsalltag einnimmt. Hybride Kriegsführung – insbesondere der gezielte Einsatz vermeintlicher Journalisten als Instrumente staatlicher Einflussnahme – ist längst kein theoretisches Konzept mehr, sondern gelebte Realität. EU, NATO und Deutschland werden dabei als verlässliche Partner wahrgenommen: Die Präsenz deutscher Soldaten in der Stadt vermittelt der Bevölkerung ein echtes Sicherheitsgefühl. Den Abschluss bildete ein Blick vom Rooftop über das regnerische, aber eindrucksvolle Stadtpanorama.
TERMIN 2
Stadtrundgang Vilnius – Erinnerung, Sage und Identität
Der Stadtführung verdankt die Gruppe zahlreiche Einblicke in die vielschichtige Geschichte Vilnius‘. Der Name der Stadt leitet sich vom Fluss Vilnia ab, und die Sage vom eisernen Wolf – einem Traum des Fürsten Gediminas – markiert die mythische Gründungserzählung der Hauptstadt.
Die historischen Wunden sind tief: Unter der sowjetischen Besatzung wurden hunderttausende Litauerinnen und Litauer von Stalin deportiert, inhaftiert oder verfolgt – ein Kapitel, das in der kollektiven Erinnerung als noch schwerwiegender empfunden wird als die nationalsozialistische Herrschaft. Das ehemalige jüdische Viertel wurde unter den Nazis zu über 90 Prozent ausgelöscht. Heute ist Litauen ein fest verwurzeltes katholisches Land, das seine Identität aus diesem schwierigen Erbe heraus neu definiert hat.
TERMIN 3
Deutsch-Baltische Handelskammer – Wirtschaftsbrücke in den Osten
Die Deutsch-Baltische Handelskammer gab einen strukturierten Überblick über die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den baltischen Staaten. Besonderes Interesse weckte das deutlich gestiegene Engagement deutscher Unternehmen in der Region – namentlich Investitionen von beispielsweise Rheinmetall unterstreichen den sicherheitspolitischen Bedeutungsgewinn des Baltikums. Die Kammer erfüllt dabei eine wichtige Brückenfunktion: Sie fördert den Austausch und erleichtert deutschen Unternehmen den Markteintritt.
TERMIN 4
UNHCR – Humanitäres Handeln unter Druck
Der Termin beim UNHCR-Büro Vilnius vermittelte ein nüchternes Bild der aktuellen Lage: Der Rückzug der USA aus der internationalen Finanzierungsverantwortung – zuletzt in Form einer Kürzung des US-amerikanischen Beitrags um rund 40 Prozent – hat zu einem erheblichen Stellenabbau geführt. Die Organisation reagiert mit einer konsequenten Priorisierung ihrer Arbeitsschwerpunkte und einem bewussten Ressourceneinsatz. Die Botschaft war klar: Humanitäres Engagement erfordert verlässliche internationale Solidarität.
TERMIN 5
Goethe-Institut Vilnius – Kulturdiplomatie vor Ort
Das Goethe-Institut Vilnius bot einen lebhaften Einblick in die vielfältige Arbeit deutscher Auslandskulturpolitik. Weit über das klassische Sprachkursangebot hinaus engagiert sich das Institut im Bereich der frühkindlichen Kulturvermittlung sowie des interkulturellen Dialogs. Die eindrucksvolle Außenarchitektur mit malerischen Balkonansichten hinterließ bleibenden Eindruck – ein Ort, der Offenheit und kulturelle Begegnung sichtbar macht.
TERMIN 6
CPVA – Innovation als Staatsstrategie
Das International Partnership Center (CPVA) präsentierte eine beeindruckende Palette an Förderprojekten, die allesamt ein hohes Maß an gestalterischem Mut erkennen lassen. Besonderes Highlight war das Programm Create Lithuania: Rückkehrerinnen und Rückkehrer aus der Diaspora erhalten die Möglichkeit, ein Jahr lang an zwei konkreten Projekten zur strukturellen Weiterentwicklung des Landes zu arbeiten. Ein daraus hervorgegangenes Projekt widmet sich dem Recycling von Kunststoffflaschen – praxisnah, messbar, wirksam. Das Modell wurde inzwischen mit Create Ukraine auf die kriegsgezeichnete Ukraine übertragen, um jungen Menschen dort trotz aller Widrigkeiten Gestaltungsperspektiven zu eröffnen.
Weiteres Highlight war ein Wettbewerbsverfahren für modulare Schulgebäude, das den Wiederaufbau von Bildungsinfrastruktur – durch COVID und Kriegsfolgen massiv beeinträchtigt – deutlich beschleunigen soll. Der Ansatz verbindet architektonische Effizienz mit sozialer Dringlichkeit.
TERMIN 7
Freedom Center – Resilienz als gesellschaftliche Aufgabe
Den inhaltlich dichtesten Abschluss der offiziellen Termine bildete der Besuch im Freedom Center der Friedrich-Naumann-Stiftung. Die Präsentation zur hybriden Kriegsführung war ebenso erhellend wie beunruhigend: Als anschauliches Beispiel dienten mit Tabak bestückte Luftballons aus Belarus, die bei entsprechender Windlage die Schließung des Luftraums am Flughafen Vilnius erforderlich machen – ein niedrigschwelliges, aber wirkungsvolles Mittel zur Destabilisierung.
Vorgestellt wurde auch eine zivile Verteidigungsstruktur mit rund 20.000 Freiwilligen, die im Rahmen einer Grundausbildung unterschiedlichste Fähigkeiten erwerben – darunter auch das Steuern von Drohnen, was die Gruppe an einem Demonstrator vor Ort selbst ausprobieren durfte. Deutschland genießt auch hier hohes Ansehen; der Dank an deutsche Soldatinnen und Soldaten ist aufrichtig und herzlich.
Zentrales Anliegen des Centers ist der Aufbau gesamtgesellschaftlicher Resilienz – ein Prozess, der bereits bei Kindern beginnen muss. Die Auseinandersetzung mit Bedrohungsszenarien gehört in Litauen mittlerweile zur Allgemeinbildung.
FAZIT
Mehr als ein Programm – eine echte COH-Erfahrung
| Vilnius hat uns als bunte Reisegesellschaft aus Absolventinnen, Absolventen und Studierenden unterschiedlichster Fachrichtungen auf vielen Ebenen begeistert. Die Begegnungen mit Journalistinnen, Diplomaten, Kulturschaffenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren haben gezeigt, wie ein kleines Land an der NATO-Ostflanke mit Entschlossenheit, Innovationsgeist und einem klaren Wertekompass seinen Platz in Europa behauptet. Besonders bemerkenswert war die durchweg positive Wahrnehmung Deutschlands und die große Wertschätzung für das deutsche Engagement in Litauen. Doch wie es sich für eine Studienfahrt in gewohnter COH-Manier gehört, blieb es nicht bei Terminen und Sitzungssälen: Die lebhaften Gespräche über Politik, Geschichte und Kultur zwischen den Programmpunkten und beim gemeinsamen Abendessen waren mindestens ebenso wertvoll wie die offiziellen Begegnungen. Kaum eine andere Stadt verbindet historische Tiefe und moderne Dynamik so selbstverständlich wie Vilnius. Vilnius zu Fuß erkunden – als grünste Stadt Europas lädt sie mit ihrer charmanten Altstadt geradezu dazu ein – war ein Genuss für alle Sinne. Und weil eine COH-Reise ohne unvergessliche Abende unvollständig wäre: Beim mittlerweile fest im Programm etablierten Karaoke-Abend stellten einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr gesangliches Können eindrucksvoll unter Beweis – ob das Mikrofon immer in den richtigen Händen lag, darüber schweigt die Gruppe vornehm. Eine Reise, die neugierig macht, nachdenklich stimmt – und Lust auf die nächste COH-Studienfahrt weckt. |
